Eine Frage des Gewissens
Wird grad noch mal so richtig kalt dieses Wochenende, was? Aber hinter dieser sich noch einmal archaisch aufbäumenden Kältefront, direkt dahinter, kann ich ihn schon staksen sehen, meinen alten Kumpel, den Frühling. Mit großen Schritten und noch größerem "Hallo!" kommt er auf uns alle zu, um uns die Pflanzen wieder grün zu machen und uns Menschen total wuschig. Heilig Ostern und die unvermeidliche Brunftzeit stehen vor der Tür.
Die Sonne scheint nämlich schon so schön und ich hab ordentlich viel Kram zu tun -nur leider nicht viel, was mir ausreichend Geld bringt.
Mein Gewissen plagt mich zwar, doch um diesen Sonntagnachmittag bloß nicht vor dem Computer zu verbringen, schwing ich mich zwecks heuchlerischer Bewegungstheraphie aufs Fahrrad und fahre sage und schreibe 700 Meter zu einem Café namens Hannibal. Das liegt direkt am Görlitzer U-Bahnhof an der U1. Aber was beschreib ich's? Ich will's ja überhaupt nicht weiter empfehlen.
Da ich eh grad knapp bei Kasse bin, stichelt mein schlechtes Gewissen auch gleich, 'Ey, Kaffee trinken kannste auch zu Hause - und ganz nebenbei- auch Kram erledigen.' 'Pah!' denk ich, 'DU kriegst mich nich!', binde mein Fahrrad draussen an und öffne die breite Holztür. Von aussen hatte ich schon durchs Fenster einen Sitzplatz, einen fetten Ohrensessel entdeckt.
Kaum drinnen, sehen mich zwei Bedienungen hinter der Theke an und grüssen durchs Absenken der Augenlider. Ich schlurf in Richtung Sessel. Mir kommt eine männliche Bedienung nickend entgegen. Ein anderer Kellner steht weiter hinten und grüsst mich ebenfalls freundlich nickend. Ich frage die zwei Typen, die an dem Tisch sitzen zu dem auch der Sessel gehört, ob der Platz frei sei. Dämliches Glotzen und Nicken von beiden als Antwort, als ich schon längst gemütlich sitze. Ist das Café Dauernicker hier oder was? Dann bin ich der Picknicker.
Ich fisch mir ein Uncle Sally's von 'nem Stapel und fang an zu lesen. Keine Karte auf dem Tisch. Nur ein Schild:
Oster-Angebot: Kaffee o. Milchkaffee und 1 Stück Kuchen für 4,50 €.
Ich überleg, ob das preiswert ist, und steh' noch mal auf, geh um die große Bar herum, um einen Blick in die Kuchentheke zu werfen. Find sie aber nicht. Kann ja den Kellner fragen, wenn der kommt, was für Sorten die haben. Erst als ich wieder sitze, fällt mir auf, ich sitz direkt daneben. Ist das etwa Gelatine auf der Torte? Nix für mich, dann vielleicht den Möhre-Nuss-Kuchen. Ich überlege. Hab ja noch Zeit, der Kellner war noch nicht da. Mein Gewissen meldet sich: 'Jetzt bisse zwar drin im Café, aber guck ma in dein Portemonnaie. Meinste du solltest..?' ~'Schnauze, Gewissen!' sag ich zu ihm. 'So ein Angebot kann man doch nicht ausschlagen!'....'Okay, aber vielleicht nur Kaffee?' 'Halt jetzt die Klappe, Gewissen!' 'Is' ja gut,..mein ja nur. Du wollz ja abnehmen.'
Kein Kellner kommt zu mir. Ich fang wieder an zu lesen und kuschel mich in den Sessel. Interessanter Artikel über einen schweissigen neuen deutschen Film in einer Sauna. Spielt in der Rykestr. im Prenzelberg. Kenn ich, da war ich auch schon. Über Arbeitslose und andere Sozialdramen. Währenddessen wird hier mein Drama auch immer größer. Könnten ja auch mal 'nen Film übers Nichtbedientwerden drehen.
Die zwei Typen an meinem Tisch labbern dummes Zeug, gucken manchmal doof rüber und nicken unablässig zu der blöden House-Mucke.
Jetzt zähl ich mit. Die zwei Kellner laufen dauernd hin und her. Ständig an mir vorbei. Sie bedienen andere Gäste. Vor allem welche, die nach mir gekommen sind. Ich werde nicht bedient. Dabei ist das hier gar keine Szene-Café wie die Morena-Bar, wo man manchmal gar nicht bedient wird oder stundenlang darauf wartet, überhaupt einen beschissenen Kaffee zu bestellen, auf den man dann, hat man ihn bestellt wiederum lange wartet, ähnlich dem Bezahlen. In meiner Anfangszeit in Berlin, als ich noch nicht cool war, wurde ich ums Verrecken in dem Laden nicht bedient. Mittlerweile bin ich cool. Total sogar. Ich geh nämlich nicht mehr hin. Die Bedienungen sind zumTeil noch so zugedröhnt und übernächtigt, dass die einfach nix mitkriegen. Diese Zombies wanken vermutlich gegen Mittag direkt vom Wild at Heart über die Straße zu ihren Schichten ins Morena.
Eine grobe Schätzung hat ergeben, dass die Jungs jetzt mindestens 50 mal an mir vorbei sind, ohne mich zu bedienen. Vielleicht liegt's an meinem buschgrünen Tarnparka, der sich farblich hervorragend in den Ohrensessel im Senioren-Design einpasst.
Ich suche auch extra keinen Blickkontakt, auch an deren Schürze zieh ich nicht im Vorbeigehen. - Ich will bedient werden. Aus freien Stücken und ohne wenn und aber. Ich will fragen können: "Ist da Gelatine drauf?" und sagen können: "Uuääh, nein, ich bin Vegetarier, dann nehm ich den Möhre-Nuss-Kuchen!" Verdammte Scheisse, heute ist nämlich Sonntag!
Dann guck ich wieder mal auf die Uhr: schon 50 Minuten da.
Endlich kommt der Kellner, bückt sich zum Tisch und sammelt die leeren Gläser und Flaschen von den Dauernickern ein, die sich mittlerweile verdrückt haben.
Da steht er vor mir. Der Kellner. Der Arsch. Der Kellner-Arsch. Der Nichtbediener-Kellner-Arsch. Jetzt guckt er auch noch. Jetzt guckt er mich an.
Und wo er schon mal guckt, da sag ich freundlich zu ihm: "Ich will zahlen!"
Er überlegt kurz und fragt: "Was hattest Du denn!"
"Nix!" sag ich, "ich bin ja nicht bedient worden!"
Er stutzt und ich frag noch: "Ist da Gelatine drauf auf dem Kuchen?"
"Wie?..Äh ja...!" antwortet er vrewirrt.
"Uuääh, ich bin Vegetarier! Ich hätte mich soo sehr übers Osterangebot gefreut. Möhre-Nuss-Kuchen und Kaffee hätte ich genommen. Jetzt geh ich aber gleich. Tschüß!"
Wieder auf dem Rad, stubst mein Gewissen mich an und sagt: 'Ey,...ich hab gewonnen! Wir haben kein Geld ausgegeben!'
'Denkst Du!' sag ich zu ihm -und fahr direkt zu meinem Lieblings-Falafelladen am Spreewaldplatz. (Da gibt's sogar den Tee umsonst).
~
© 2006 Lorenzodigiovanni.twoday.net (umgeparkt)
Die Sonne scheint nämlich schon so schön und ich hab ordentlich viel Kram zu tun -nur leider nicht viel, was mir ausreichend Geld bringt.
Mein Gewissen plagt mich zwar, doch um diesen Sonntagnachmittag bloß nicht vor dem Computer zu verbringen, schwing ich mich zwecks heuchlerischer Bewegungstheraphie aufs Fahrrad und fahre sage und schreibe 700 Meter zu einem Café namens Hannibal. Das liegt direkt am Görlitzer U-Bahnhof an der U1. Aber was beschreib ich's? Ich will's ja überhaupt nicht weiter empfehlen.
Da ich eh grad knapp bei Kasse bin, stichelt mein schlechtes Gewissen auch gleich, 'Ey, Kaffee trinken kannste auch zu Hause - und ganz nebenbei- auch Kram erledigen.' 'Pah!' denk ich, 'DU kriegst mich nich!', binde mein Fahrrad draussen an und öffne die breite Holztür. Von aussen hatte ich schon durchs Fenster einen Sitzplatz, einen fetten Ohrensessel entdeckt.
Kaum drinnen, sehen mich zwei Bedienungen hinter der Theke an und grüssen durchs Absenken der Augenlider. Ich schlurf in Richtung Sessel. Mir kommt eine männliche Bedienung nickend entgegen. Ein anderer Kellner steht weiter hinten und grüsst mich ebenfalls freundlich nickend. Ich frage die zwei Typen, die an dem Tisch sitzen zu dem auch der Sessel gehört, ob der Platz frei sei. Dämliches Glotzen und Nicken von beiden als Antwort, als ich schon längst gemütlich sitze. Ist das Café Dauernicker hier oder was? Dann bin ich der Picknicker.
Ich fisch mir ein Uncle Sally's von 'nem Stapel und fang an zu lesen. Keine Karte auf dem Tisch. Nur ein Schild:
Oster-Angebot: Kaffee o. Milchkaffee und 1 Stück Kuchen für 4,50 €.
Ich überleg, ob das preiswert ist, und steh' noch mal auf, geh um die große Bar herum, um einen Blick in die Kuchentheke zu werfen. Find sie aber nicht. Kann ja den Kellner fragen, wenn der kommt, was für Sorten die haben. Erst als ich wieder sitze, fällt mir auf, ich sitz direkt daneben. Ist das etwa Gelatine auf der Torte? Nix für mich, dann vielleicht den Möhre-Nuss-Kuchen. Ich überlege. Hab ja noch Zeit, der Kellner war noch nicht da. Mein Gewissen meldet sich: 'Jetzt bisse zwar drin im Café, aber guck ma in dein Portemonnaie. Meinste du solltest..?' ~'Schnauze, Gewissen!' sag ich zu ihm. 'So ein Angebot kann man doch nicht ausschlagen!'....'Okay, aber vielleicht nur Kaffee?' 'Halt jetzt die Klappe, Gewissen!' 'Is' ja gut,..mein ja nur. Du wollz ja abnehmen.'
Kein Kellner kommt zu mir. Ich fang wieder an zu lesen und kuschel mich in den Sessel. Interessanter Artikel über einen schweissigen neuen deutschen Film in einer Sauna. Spielt in der Rykestr. im Prenzelberg. Kenn ich, da war ich auch schon. Über Arbeitslose und andere Sozialdramen. Währenddessen wird hier mein Drama auch immer größer. Könnten ja auch mal 'nen Film übers Nichtbedientwerden drehen.
Die zwei Typen an meinem Tisch labbern dummes Zeug, gucken manchmal doof rüber und nicken unablässig zu der blöden House-Mucke.
Jetzt zähl ich mit. Die zwei Kellner laufen dauernd hin und her. Ständig an mir vorbei. Sie bedienen andere Gäste. Vor allem welche, die nach mir gekommen sind. Ich werde nicht bedient. Dabei ist das hier gar keine Szene-Café wie die Morena-Bar, wo man manchmal gar nicht bedient wird oder stundenlang darauf wartet, überhaupt einen beschissenen Kaffee zu bestellen, auf den man dann, hat man ihn bestellt wiederum lange wartet, ähnlich dem Bezahlen. In meiner Anfangszeit in Berlin, als ich noch nicht cool war, wurde ich ums Verrecken in dem Laden nicht bedient. Mittlerweile bin ich cool. Total sogar. Ich geh nämlich nicht mehr hin. Die Bedienungen sind zumTeil noch so zugedröhnt und übernächtigt, dass die einfach nix mitkriegen. Diese Zombies wanken vermutlich gegen Mittag direkt vom Wild at Heart über die Straße zu ihren Schichten ins Morena.
Eine grobe Schätzung hat ergeben, dass die Jungs jetzt mindestens 50 mal an mir vorbei sind, ohne mich zu bedienen. Vielleicht liegt's an meinem buschgrünen Tarnparka, der sich farblich hervorragend in den Ohrensessel im Senioren-Design einpasst.
Ich suche auch extra keinen Blickkontakt, auch an deren Schürze zieh ich nicht im Vorbeigehen. - Ich will bedient werden. Aus freien Stücken und ohne wenn und aber. Ich will fragen können: "Ist da Gelatine drauf?" und sagen können: "Uuääh, nein, ich bin Vegetarier, dann nehm ich den Möhre-Nuss-Kuchen!" Verdammte Scheisse, heute ist nämlich Sonntag!
Dann guck ich wieder mal auf die Uhr: schon 50 Minuten da.
Endlich kommt der Kellner, bückt sich zum Tisch und sammelt die leeren Gläser und Flaschen von den Dauernickern ein, die sich mittlerweile verdrückt haben.
Da steht er vor mir. Der Kellner. Der Arsch. Der Kellner-Arsch. Der Nichtbediener-Kellner-Arsch. Jetzt guckt er auch noch. Jetzt guckt er mich an.
Und wo er schon mal guckt, da sag ich freundlich zu ihm: "Ich will zahlen!"
Er überlegt kurz und fragt: "Was hattest Du denn!"
"Nix!" sag ich, "ich bin ja nicht bedient worden!"
Er stutzt und ich frag noch: "Ist da Gelatine drauf auf dem Kuchen?"
"Wie?..Äh ja...!" antwortet er vrewirrt.
"Uuääh, ich bin Vegetarier! Ich hätte mich soo sehr übers Osterangebot gefreut. Möhre-Nuss-Kuchen und Kaffee hätte ich genommen. Jetzt geh ich aber gleich. Tschüß!"
Wieder auf dem Rad, stubst mein Gewissen mich an und sagt: 'Ey,...ich hab gewonnen! Wir haben kein Geld ausgegeben!'
'Denkst Du!' sag ich zu ihm -und fahr direkt zu meinem Lieblings-Falafelladen am Spreewaldplatz. (Da gibt's sogar den Tee umsonst).
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Lorenzodigiovanni - 11. Sep, 13:18

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